Einsamkeit betrifft die ganze Gesellschaft

Einsamkeit betrifft  die ganze Gesellschaft
Marlene Korsin, MA, ist Leiterin der Telefonseelsorge Salzburg.

Wer niemanden zum Reden hat, findet bei der Telefonseelsorge ein offenes Ohr. Marlene Korsin ist Leiterin der Telefonseelsorge in Salzburg und spricht über Einsamkeit, 16.000 Anrufe jährlich und die Frage, warum gerade junge Menschen lieber schreiben als telefonieren.

Frau Korsin, wer wendet sich an die Telefonseelsorge?

Korsin: Vor allem Menschen ab dem mittleren Alter, etwa ab Ende 30, bis hin zu älteren Menschen. Ein ganz großes Thema ist die Einsamkeit. Für manche ist die Telefonseelsorge tatsächlich der einzige Kontakt des ganzen Tages. Dazu kommen Themen der Alltagsbewältigung, Depressionen, Partnerkonflikte oder Schwierigkeiten innerhalb der Familie.

Ist Einsamkeit vor allem bei älteren Menschen ein Problem?

Korsin: Bei älteren Menschen erleben wir das natürlich häufig, etwa nach dem Verlust des Partners oder wenn der Kontakt zu den Kindern abgebrochen ist. Früher haben mehrere Generationen oft noch unter einem Dach gelebt. Das ist heute vielfach nicht mehr so. Aber Einsamkeit betrifft grundsätzlich alle Altersgruppen und die gesamte Gesellschaft. Es spielt keine Rolle, ob jemand arm oder reich ist.

Junge Menschen greifen offenbar seltener zum Telefon. Wie erreichen Sie diese Generation?

Korsin: Junge Menschen schreiben häufig lieber, als dass sie telefonieren. Deshalb bauen wir unsere Onlineberatung mit Chat, Mail und Messenger immer weiter aus. Dort docken viele jüngere Menschen an. Ich möchte das gar nicht bewerten, es ist einfach eine Veränderung des Kommunikationsverhaltens.

Wie groß ist der Bedarf und wer steht hinter der Telefonseelsorge?

Korsin: In Salzburg verzeichnen wir rund 16.000 Anrufe pro Jahr. Rund 140 Ehrenamtliche sorgen dafür, dass das Telefon Tag und Nacht besetzt ist. Die Ausbildung dauert 14 Monate und ist sehr intensiv. Deshalb suchen wir auch laufend neue Ehrenamtliche. Der Bedarf ist absolut da.

Was kann die Telefonseelsorge leisten, wenn Menschen in einer schwierigen Situation anrufen?

Korsin: Wir sind eine Anlaufstelle für Menschen in schwierigen Lebenssituationen und bieten insbesondere Unterstützung und Krisenintervention an. Dabei geht es vor allem darum, zuzuhören, Orientierung zu geben und gemeinsam mit den Betroffenen den nächsten möglichen Schritt zu finden. Wir bewerten nicht und geben keine Therapie vor, sondern nehmen die aktuelle Situation ernst und schauen gemeinsam, was es jetzt braucht. Wenn weiterführende Unterstützung notwendig ist – etwa bei Gewalterfahrungen –, vermitteln wir an geeignete Fachstellen.

Was wünschen Sie sich für den Umgang mit Einsamkeit und psychischen Belastungen?

Korsin: Ich glaube, dass es in Österreich viele Menschen gibt, die trotz unseres sozialen Netzes nicht die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Diese Menschen werden oft gar nicht wahrgenommen. Deshalb müssen wir genauer hinschauen. Gerade bei Einsamkeit, Depressionen und psychischen Belastungen braucht es mehr Aufmerksamkeit. Und auch das Ehrenamt verändert sich. Menschen möchten sich heute oft nicht mehr für Jahrzehnte verpflichten. Wir müssen überlegen, wie wir mit dieser Veränderung in Zukunft umgehen und das Ehrenamt trotzdem stärken können

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